Sonntag, 30. Juni 2019

(K)ein Kaffee-Morgenritual

Kann man etwas genießen, wovon man abhängig ist?


Illustration von Birgit Löw, Textile art and design

Genuss hat für mich mit einer Entscheidung aus freien Stücken zu tun. Ich entscheide mich bewusst für eine Pause, ein Glas Wein, ein Stück Schokolade – oder eine Tasse Kaffee. Dachte ich.

Ich dachte nicht, dass mir jemals jemand mein all morgendliches Kaffee-Ritual madig machen könnte. Ich liebe schon alleine den Duft, den er verströmt, ganz abgesehen davon, wie schön dieses stille Stelldichein zwischen mir und meiner Tasse Kaffee ist, getrunken auf dem Balkon, den Vöglein lauschend, erwartungsvoll, was der Tag so bringen möge.

Aber Sie wissen ja wie das ist. Erstens kommt es anders und zweitens...
So blätterte ich eines Abends wieder einmal in "meiner Bibel". Einem Buch, welches ich seit über einem Jahr so oft zur Hand nehme wie... der Pfarrer die Bibel.
In "The Rhythm of Life – Living every day with passion & purpose" stellt Matthew Kelly die unverschämte Frage, ob man sich eigentlich ganz sicher ist, dass man von nichts abhängig ist? Eine Frage, die zur Klärung zwingt, wenn man die Zügel seines Lebens selbst in der Hand haben möchte.

Sofort begehrte etwas in mir auf! Ich bin ein sehr Freiheit liebender Mensch. Bücher wie dieses lese ich nicht nur zum Vergnügen, sondern weil ich mich auf den Weg gemacht habe, auf meinen Herzensweg.

In meinem Kopf fand eine hitzige, aber doch kurze Diskussion statt: "Du willst doch nicht ernsthaft auf deinen Morgen-Genuss verzichten, nur wegen einem Buch!?", fragte die eine Seite vollkommen empört. Die andere hatte aber bereits Verdacht geschöpft: "Ich will es wissen! So tragisch kann das nicht werden, bei ein bis zwei Tassen Kaffee pro Tag!". Aus die Maus. Der Entschluss war da. Und mit ihm eine Woche pures Elend:
  • Reizbarkeit
  • Lethargie
  • Depression
  • Muskelschmerz/Muskelsteifigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Grippeähnliche Symptome
Ich hatte sie alle!! Erst als ich mich derart krank fühlte, begann ich zu recherchieren.

Warum macht Kaffee eigentlich süchtig?

Kaffee macht wegen seines Gehalts an Koffein süchtig. Koffein ist eine sog. psychotrope Substanz, also eine Substanz, die sich direkt auf die menschliche Psyche auswirkt. Zudem gelangt das Koffein aus Kaffee turboschnell ins Blut – und nicht etwa langsam und gemächlich wie z. B. das Koffein aus Grüntee.

Koffein ist aufgrund seiner Molekülstruktur ein Sucht erzeugender, also abhängig machender Stoff. Das Koffeinmolekül passt nämlich wunderbar in die Adenosin-Rezeptoren der Gehirnzellen. Diese Rezeptoren sind eigentlich für den Stoff Adenosin reserviert. Wenn Adenosin an die Rezeptoren andockt, dann signalisiert dies dem Körper Ruhe, Entspannung und Schlaf.

Gleichzeitig wird die Ausschüttung belebender Botenstoffe (Dopamin, Noradrenalin etc.) gehemmt. Der Blutdruck sinkt und die Herzfrequenz wird verringert. Wenn die Adenosin-Rezeptoren aber von Koffeinmolekülen besetzt werden, dann bleibt der Körper im Dauerstress – und die Nebenniere ebenso, da sie ständig Stresshormone ausschütten muss. Entspannung und innere Ruhe rücken in weite Ferne.

Der Adenosin-Spiegel im Blut aber steigt, weil die Adenosin-Moleküle kaum noch freie Rezeptoren finden, an die sie andocken können. Also bildet das Gehirn immer mehr Adenosin-Rezeptoren, damit endlich wieder die ersehnte Ruhe einkehren kann. Auf diese Weise entsteht eine gewisse Koffeintoleranz. Das heisst, der Körper reagiert immer weniger empfindlich auf Koffein, und der Kaffeesüchtige trinkt immer mehr Kaffee oder koffeinhaltige Getränke.

Entscheidet nun der Kaffeesüchtige, sich den Kaffee abzugewöhnen, dann trifft plötzlich kein einziges Koffeinmolekül mehr im Gehirn ein, und alle Adenosin-Rezeptoren können von Adenosin-Molekülen besetzt werden. Es kommt zu einem unerwarteten Absinken der Dopamin- und Adrenalin-Spiegel.

Die Gehirnchemie ist nun völlig aus dem Gleichgewicht geraten – und die oben genannten Entzugssymptome oder einige davon stellen sich ein. Da es sich jedoch um ein sehr ungesundes Gleichgewicht gehandelt hatte, dauert es nicht lange (ca. eine Woche, manchmal länger – je nach konsumierter Koffeindosis und der Dauer der Koffeinsucht), bis der Körper alles daran setzt, um eine neues und diesmal auch gesundes Gleichgewicht herbei zu führen. (aus: Zentrum der Gesundheit, Luzern)

Was passiert danach? Die gute Nachricht.

Sie werden es kaum glauben: Die Lust auf Kaffee ist völlig verschwunden. Mit ihr das extreme Drei-Uhr-Nachmittags-Tief. Ebenso diverse Gelüste auf Süßkram. Ich fühle mich bereits morgens wacher und fitter, insgesamt klarer und freier. Bin ich müde, gibt es kaum etwas Schöneres als ein kurzes Nickerchen oder einfach abends früher ins Bett zu gehen!
Meinen Kaffee habe ich durch Getreidekaffee von Naturata ersetzt. Der hat Geschmack und ist nicht so bitter, und ich komme völlig ohne Zucker aus.

Es ist also alles beim Alten geblieben: 
Ich sitze morgens um sechs Uhr mit einer frisch aufgebrühten Tasse Kaffee auf dem Balkon und lausche den Vögeln. Nur freier und ohne Sucht.

Anmerkung:
Wer jetzt behauptet, er sei eh nicht süchtig, dem empfehle ich eine 1-Tages-Challenge. Probieren Sie's aus und hören Sie, was Ihnen Ihr Körper (und ihr Kopf) ab dem zweiten Tag mitteilen möchte...
Kaffee!!!!  :-))

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